Islam

Mein Feind, der Muslim

Nach dem Terroranschlag von Paris werden Muslime zur Zielscheibe von Anschlägen und Rechtspopulisten. Höchste Zeit, ein paar Dinge klar zu stellen

Es musste ja so kommen. Nur Stunden nach dem Terroranschlag auf die Redaktion der französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ schlugen „die Rächer“ zu. In Le Mans und im südfranzösischen Port-la-Nouvelle wurden eine Moschee und ein muslimischer Gebetsraum von Unbekannten beschossen. In Villefranche-sur-Saone explodierte ein Sprengsatz vor einem Kebab-Laden nahe einer Moschee. Und in Deutschland erklärten die selbsternannten Patrioten von Pegida auf ihrer Facebook-Seite: „Die Islamisten, vor denen Pegida seit nunmehr zwölf Wochen warnt, haben heute in Frankreich gezeigt, dass sie eben nicht demokratiefähig sind, sondern auf Gewalt und Tod als Lösung setzen!“

Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit, aber angesichts dieser Ereignisse ist es offenbar nötig, ein paar Dinge noch einmal klar zu stellen:

Der Terroranschlag von Paris ist kein Beleg für die Islamisierung Europas oder gar Deutschlands; es ist ein Beleg für die Perversion zweier Einzeltäter.

Das Massaker in und vor der Redaktion von „Charlie Hebdo“ ist kein Beleg dafür, dass Islamisten (= strenggläubige Moslems) nicht demokratiefähig sind. Es ist lediglich ein Beleg dafür, dass Extremisten nicht demokratiefähig sind. Genauso wie es die Mitglieder der RAF oder des NSU nicht waren oder Rechtsextremisten, die Anschläge auf Ausländer verüben.

Die Muslime, die in Le Mans oder in Villefranche-sur-Saone in die Moschee gehen, haben nichts, aber auch rein gar nichts mit den beiden Mordschützen von Paris zu tun. Warum also greift man ihre Gotteshäuser an?

Vor allem aber: Der Anschlag gegen „Charlie Hebdo“ ist ein Angriff auf die Werte Europas. Aber er ist nicht im mindesten ein Beleg dafür, dass Muslime gewalttätig sind oder der Islam eine gefährliche Religion ist. Genauso wenig wie das Christentum gefährlich ist, bloß weil in den USA immer wieder militante Christen Anschläge auf Abtreibungspraxen verüben.

Trotz des Massakers von Paris, trotz des „Islamischen Staates“, trotz Taliban, trotz al-Kaida – die übergroße Mehrheit der weltweit 1,6 Milliarden Muslime lebt völlig friedlich. Ohne Hass auf Andersgläubige, ohne Andersdenkende zu massakrieren, ohne irgendeinen sogenannten Dschihad zu führen. Dass einige Zehntausend Extremisten ihre Religion und den Namen ihres Gottes missbrauchen (so wie vor tausend Jahren die „christlichen“ Kreuzritter es auch taten), ist kein Grund, eine ganze Religion und deren Anhänger zu diskreditieren oder zu verteufeln.

Einen Beleg, dass es ihnen gar nicht um Religion geht, haben die Attentäter von Paris selber geliefert. Nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ lieferten sich die Terroristen ein Feuergefecht mit der Polizei. Dabei schossen sie einen Polizisten nieder. Anschließend ging einer der Attentäter auf den schwer verletzten, am Boden liegenden Beamten zu – und richtete ihn im Vorbeigehen mit einem Kopfschuss hin. Der Name des 42-jährigen Beamten: Ahmed Merabet. Seine Religion: muslimisch.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, hat lange unter Muslimen gelebt: in Malaysia und im Berliner Stadtteil Moabit mit seiner großen türkisch-arabischen Minderheit.

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