Kolumne: Warkentins Wut

Warum der Blick in den „Spiegel“ nicht mehr lohnt

Das Magazin „Der Spiegel“ galt einmal als „Sturmgeschütz der Demokratie“. Davon ist nicht mehr viel übrig. Stattdessen langweilt das Blatt mit Anekdoten über Ministerinnen-Frisuren und Gurkenscheiben auf Autositzen

„Der Spiegel“ ist zum Ärgernis geworden. Einst als „Sturmgeschütz der Demokratie“ gepriesen, ist das für investigativen Journalismus stehende deutsche Leitmedium vom beißfreudigen Tiger zum langweiligen Bettvorleger mutiert. Statt Skandale aufzudecken, skandalisieren die Hamburger Medienmacher nahezu jede Banalität. Gründervater Rudolf Augstein würde sich im Grabe im umdrehen, wüsste er, was seine Epigonen aus seinem Lebenswerk gemacht haben.

Ohne Zweifel: Nach dem Rausschmiss von Chefredakteur Wolfgang Bücher ist „Der Spiegel“ endgültig in der Sinnkrise angekommen. Trauriger Beleg ist das Heft 01/2015. Dort lassen sich unter der Rubrik „Rückblick“ „Spiegel“-Journalisten unter anderem über einen Flug mit Ursula von der Leyen aus. Die Schmonzette über die ruinierte Frisur der Verteidigungsministerin liest sich wie das Bewerbungsschreiben eines mäßig talentierten Journalistenschülers bei der „Bunten“. Genauso nichtssagend ist die Geschichte über eine Gurkenscheibe, die der tiefschwarze Publizist und AfD-Vorständler Konrad Adam im Auto einer „Spiegel“-Journalistin liegen ließ. Oder die Einlassung einer „Spiegel“-Autorin über ihr neues Dasein als Nichtraucherin. Solche Plattitüden gehören nicht in den „Spiegel“!

Ähnlichen Flachsinn bekamen die Leser von „Spiegel Online“ serviert. Dort musste die Taufliste einer Kirchengemeinde in Berlin-Mitte mit ungewöhnlichen Namen als Beleg für die Gentrifizierung des Viertels herhalten. Zu mehr Recherche für die sicher richtige These von der Vertreibung der alteingesessenen Bewohner aus dem östlichen Stadtzentrum hat es nicht gereicht.

Welch ein Kontrast zu den Berichten, mit denen der „Der Spiegel“ einst sein Publikum nahezu jede Woche über die Machenschaften von denen „da oben“ informierte, und zwar unabhängig von Parteibuch oder Konfession. Unvergessen die Enthüllungen in der Flick-Spendenaffäre, über die Kungeleien der Neue-Heimat-Bosse oder über Uwe Barschels Mauscheleien in der Waterkantgate-Affäre. Immer wieder nahm das Magazin Franz Josef Strauß ins Visier, der Augstein und mehrere „Spiegel“-Redakteure 1962 wegen angeblichen Landesverrats ins Gefängnis werfen ließ und dafür seinen Hut als Verteidigungsminister nehmen musste.

„Der Spiegel“ sei ein liberales, im Zweifel ein linkes Blatt, verkündete Augstein auf dem Höhepunkt des Kampfes um den Kurs des Magazins in den 1970er Jahren. Damals schenkte der Firmengründer der Belegschaft eine knappe Anteilsmehrheit von 50,5 Prozent. 25,5 Prozent halten die Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr, 24 Prozent die Erben Augsteins.

Von dem linken, aufklärerischen Anspruch Augsteins ist kaum etwas geblieben. Das Blatt ist mit der Zeit zwar bunter, aber auch unpolitischer und oberflächlicher geworden. Diese Tendenz setzte bereits in den 1990er Jahren ein, als Chefredakteur Stefan Aust und seiner Berliner Bürochef Gabor Steingart den „Spiegel“ radikal auf neoliberale Sichtweisen bürsteten.

Die jüngste Blattreform bescherte den Lesern einen namentlich nicht gezeichneten Leitartikel und mehrere Kolumnen, darunter den „Schwarzen Kanal“ des erzkonservativen Jan Fleischhauer. Dessen Artikel passen zum klassischen „Spiegel“ wie ein Pornoroman in die Vatikanische Bibliothek. Man muss Fleischhauer aber zugute halten, dass er in der Regel originelle Gedanken auf altem „Spiegel“-Niveau verbreitet.

„Der Spiegel“ steht an der Wegscheide, hohe journalistische Qualität mit den Anforderungen neuer Medien und Zielgruppen zu verknüpfen und auch im Internet (viel) Geld zu verdienen. Dieser Spagat ist bisher nicht gelungen. Viel wird von der Entscheidung abhängen, ob „Der Spiegel“ und andere anspruchsvolle Medien von Managern oder von Journalisten geführt werden. Viel spricht für die Forderung des „Spiegel“-Reporters Cordt Schnibben, starke Chefredakteure zu finden, um den Journalismus in eine sichere Zukunft zu führen.

Gesucht wird also die berühmt-berüchtigte eierlegende Wollmilchsau. Für Schnibben heißt das: Auf den Chefsessel in Redaktionen gehören gute Redakteure, die wissen, was eine gute Story ist und die Texte sicher bearbeiten können. Darüber hinaus müssen sie ungewöhnliche Geschichte anregen und Titelbilder gestalten können. Weil sie diese Anforderungen erfüllen, können sie ihre Redaktionen auch von der Notwendigkeit überzeugen, guten Printjournalismus ins Netz zu überführen.

Schnibbens Stellenbeschreibung ist nichts hinzuzufügen.

Volker Warkentin, langjähriger Reuters-Journalist in Berlin, liest den „Spiegel“, seit er zwölf Jahre alt war. Inzwischen blättert er manche Hefte nur noch durch. Die OC-Kolumne „Warkentins Wut“ schreibt er jeden Dienstag.

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