Kolumne: Grenzgänger

Warum Deutschland nicht „bunt“ sein sollte

„Bunt“ ist für eine Einwanderungsgesellschaft nicht die richtige Metapher. Denn dadurch werden die Unterschiede betont – nicht aber die Gemeinsamkeiten

Wenn ich an Buntes denke, dann fällt mir unweigerlich Claudia Roth ein. Und Ostereier. Nina Hagen. Und Karneval. Ausgelassene Stimmung, na klar, Konfetti, Partyballons. Jedenfalls irgendwas Besonderes, das den Alltag durchbricht, die tristen Grautöne der täglichen Routine ablöst und für einen Moment vergessen lässt. Kurzum, Buntes umrahmt die Vielzahl an eher gedeckten Farben und Grauschattierungen und gibt den Counterpart zu den gelegentlichen Schwarz- und Weißorgien, die wir binären Wesen doch offensichtlich so gerne haben.

Wahrscheinlich ist es das, was jene Demonstranten ausdrücken wollen, die derzeit mit dem Begriff der Buntheit gegen die sogenannten Pegida und deren Ableger auf die Straßen gehen. Am Montagabend waren in München beispielsweise rund 8000 Demonstranten unterwegs, um sich den unter der Maskerade angeblicher Islamkritik versteckten Gegnern einer Einwanderungsgesellschaft – in München Bagida genannt – in den Weg zu stellen. Ihr Slogan: „München ist bunt.“

Der Begriff bunt in dem Zusammenhang ist allerdings stark überstrapaziert und vor allem: problematisch. Schon Ex-Bundespräsident Christian Wulff hatte sich eine „bunte Republik“ gewünscht, und man ahnt, was er meinte: die Normalität einer Einwanderungsgesellschaft, die nicht nach der Herkunft fragt, sondern nach dem Hier und Jetzt. Das ist sympathisch, und vor allem ist dieser Perspektivwechsel richtig und notwendig. Wer das nicht checkt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, zu den derzeit oft zitierten „Modernisierungsverlierern“ zu gehören.

Exotisierung der Anderen
Bunt jedoch ist ein untauglicher Begriff, das auszudrücken, was die Anti-Pegida-Demonstranten und ein ehemaliger Bundespräsident eigentlich meinen. Buntheit bedeutet nämlich nichts anderes als eine Exotisierung des Anderen: Wenn ich grün bin, dann bist Du blau. Bist Du weiß, bin ich schwarz. Und so weiter. Klingt nicht nach einer Gesellschaft, die weiß, was sie im Kern zusammenhält.

Es ist ein Rückfall in alte Zeiten, als die Gesellschaft gespalten war in Gruppen, die alltagsrassistisch das Fremde per se ablehnten, und in Gruppen, die einen naiven multikulturalistischen Begriff vertraten, der nicht das Gemeinsame von Migranten und Nicht-Migranten betonte, sondern die Unterschiede. Durch die an sich gut gemeinte Herausstellung des Fremden – des vermeintlich Exotischen – in Kombination mit ebenfalls gut gemeinter Zuwendung kann sich eine Gesellschaft auseinander entwickeln. Ein solcher pflegender Ansatz ist einem guten Zusammenleben eher abträglich, obwohl er gut gemeint ist.

Was bei Stadtteilfesten oder interkulturellen Festen unproblematisch ist – wenn etwa ein afrikanischstämmiger Deutscher Gerichte seines Herkunftslandes anbietet -, ist als Konzept für eine funktionierende Einwanderungsgesellschaft problematisch. Bunt ist eben kein Gegenentwurf zum homogenen Einerlei, das sich die Kleinbürger von Pegida und Co wünschen. Echter Pluralismus von verschiedener Herkunft und Hautfarbe kann sich nur auf einem stabilen Fundament von Gemeinsamkeit entwickeln: In den USA ist es das Gefühl, Amerikaner zu sein, selbst wenn man aus der Karibik stammt.

Was ist es bei uns?

Verfassungspatriotismus? Wenig sexy
Schwierige Frage. Eines Tages werden wir hoffentlich genauso ticken wie die US-Amerikaner, deren Staatsbürgerschaftsverständnis selbstbewusst und zugleich zumindest im Prinzip durchlässig für Neuankömmlinge ist. Vieles hat sich auch bei uns diesbezüglich gebessert. Vor allem aber dienen die Werte des Grundgesetzes und der europäischen Verträge als unsere gemeinsame Basis – Dolf Sternberger hat das „Verfassungspatriotismus“ genannt.

Das Problem dabei ist, dass diese Idee sehr theoretisch und „wenig sexy“ ist. Eine Kopfgeburt für Intellektuelle, aber schwierig für die Masse.

Die Identität als Deutscher und Europa müsste also auch in einem nicht-intellektuellen Sinne attraktiv sein – was sie durchaus ja ist, wenn man Einwanderer fragt, warum sie sich für Deutschland oder Europa entschieden haben. Arbeitsplätze und Erfolge im Sport verbessern das Image, am wichtigsten ist aber ein gemeinsames Lebensgefühl, das sich weder aus Herkunft noch aus Religion speist.

Dazu gehören: Werte wie Trennung von Privat und Öffentlich, von Religion und Staat, Akzeptanz der Anderen (nicht nur: Toleranz), selbst wenn diese einen vermeintlich ausländischen Namen tragen. Eben ein gemeinsames Wertefundament. Und darüber legt sich Pluralismus wie die Sahne auf den Kuchen: Wer was isst, trinkt oder singt ist über das Wertefundament hinaus schlichtweg Privatsache – und das Bild dementsprechend: bunt.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin und Redakteur bei „Günther Jauch“. Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 16 Bewertungen (4,38 von 5)