Islam

Warum rülpsen und furzen die Muslime nicht?

Der Islam muss sich reformieren, wird unter anderem von Alice Schwarzer gefordert. So wie es dereinst Martin Luther im Fall des Christentums getan hat. Das klingt aufgeklärt, ist aber das genaue Gegenteil

Vor dem Reformations-Jubiläumsjahr 2017 ist die Sehnsucht deutscher Protestanten groß nach ihrem Martin Luther. Das ist nachvollziehbar. Jeder, der sich einmal an einem Sonntagmorgen im modernen Familiengottesdienst eine knappe Stunde von sanften Sacro-Pop-Songs und einer pseudo-jugendsprachlichen Predigt hat berieseln lassen, vermisst schnell Luthers wunderbares Deutsch und die gute alte protestantische Kirchenmusik.

Skurril dagegen erscheinen die sich häufenden Ratschläge nicht nur evangelischer Zeitgenossen, denen zufolge nicht der Protestantismus, sondern ausgerechnet der Islam dringend einen neuen Luther benötige. Wie mag das gemeint sein? Sollen unsere muslimischen Mitbürger gemäß dem berühmten Luther-Wort „Warum rülpset und furzet Ihr nicht, hat es Euch nicht geschmecket?“ ihre Tischsitten anpassen?

Entsprechenden Kommentaren etwa in „Die Zeit“, „Die Welt“ oder auch von Alice Schwarzer in der „Rheinischen Post“ kann man entnehmen, dass sich die Verfasser eine „Reformation“ des Islam wünschen, dem sie zwar nicht angehören, für den sie aber ein passendes Vorbild bereit halten: sich selbst! Beziehungsweise die eigene Religion und Kultur.

Einerseits ist es unfreiwillig komisch, dem Islam eine Reformation als Vorbild ans Herz zu legen, die zunächst zu einem Zeitalter von Religionskriegen führte, bei dem fast ganz Europa in Schutt und Asche gelegt wurde. Ein Mangel an bewaffneten Konflikten ist in der islamischen Welt derzeit wohl kaum zu erkennen, mag man spotten.

Allen Ernstes wird in solchen Kommentaren der spätmittelalterliche Theologe Luther zum Aufklärer verbogen und ihm gar eine Trennung von Religion und Politik zugeschrieben. Zusätzlich zur Unkenntnis über die islamische Theologie, an der sie herumdoktoren wollen, offenbaren die christlichen Heilsbringer mit solchen Äußerungen eine faszinierende Ignoranz gegenüber der eigenen Religionsgeschichte.

Über die Ignoranz derer zu spotten, die Luther – den Vorkämpfer einer wortgetreuen Schriftauslegung, den Prediger eines unbedingten Gehorsams der Untertanen gegenüber von Gott eingesetzten Fürsten, den Begründer der evangelischen Staatskirchen und nicht zuletzt einen der schärfsten Antisemiten seiner Zeit – zum liberalen Vater unserer säkular-pluralistischen Gesellschaft machen, das wäre jedoch zu kurz gegriffen.

Was sich in solchen Ratschlägen für die vermeintlich rückständigen Muslime Bahn bricht, ist nichts anderes als der schon aus der Kolonialzeit bekannte abendländische Missionsdrang. Früher fuhren Europäer in den Urwald, fest davon überzeugt, die dortigen „Wilden“ könnten nur erlöst werden, wenn sie so werden wie wir. Dieses Überlegenheitsgefühl drückt der ach so tolerante und aufgeklärte Deutsche im 21. Jahrhundert natürlich anders aus. Großzügigerweise gesteht er heute den Heiden sogar deren Religion zu, sofern sie diese bitte nach dem eigenen Vorbild umgestalten.

„Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen“, betet der hochmütige Pharisäer im Gleichnis im Lukas-Evangelium. Der aufgeklärte Deutsche, wenn er mitleidig auf den Islam und andere „rückständige Kulturen“ schaut, betet nur leicht umformuliert: „Wie schade, lieber Gott, dass die anderen nicht so sind wie ich!“

Ganz nebenbei wird, damit man selbst ein glaubhaftes Vorbild abgeben kann, die eigene historische Tradition neu konstruiert. Nach demselben Muster wurde bereits eine fiktive „jüdisch-christliche“ Tradition zur angeblichen Grundlage unserer freiheitlichen Gesellschaft erhoben. Wahrscheinlich ist auch Luthers Zitat zum Rülpsen und Furzen eine spätere fantasievolle Zuschreibung. Macht aber nichts: Im aktuellen Kulturkampf geht es ja offenbar um gefühlte und nicht um historische Wahrheiten.

Max Borowski, Autor in Berlin, hat Islamwissenschaften in Kairo und Beirut studiert sowie als Nahost-Korrespondent unter anderem für die „Fianancial Times Deutschland“ und die „Neue Züricher Zeitung“ gearbeitet.

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