Mann/Frau

Rettet den Mann!

Das angeblich starke Geschlecht fühlt sich zunehmend diskriminiert. Doch keine Partei wagt sich an das Thema Männerpolitik. Stattdessen tobt ein Geschlechterkrieg der Interessenvertreter

Männer leben kürzer. Bringen sich dreimal so oft um wie Frauen. Werden häufiger von ihren Kindern entfremdet. Sind häufiger arbeitslos. Kommen häufiger durch ihren Beruf ums Leben. Landen viermal so oft wie Frauen auf der Straße. Männer werden vor Gericht für dasselbe Vergehen schwerer bestraft, Jungen erhalten für dieselben Leistungen schlechtere Noten. Über die Jungenkrise wird zwar viel geredet – konkret dagegen unternommen wird wenig. Generell sind Hilfsangebote verschiedenster Art, etwa im Bereich häuslicher Gewalt, für Männer weit schlechter ausgebaut.

Manfred Gentz, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutsche Börse AG, spricht von Männerdiskriminierung im beruflichen Bereich: „Man gibt immer einer Frau den Vorzug vor einem Mann, der gleichermaßen qualifiziert ist – der Mann scheidet von vornherein aus.“ Und Anette Wahl-Wachendorf, Chefin des Verbands der Betriebs- und Werksärzte, prophezeit: „Resignation, Angst und Zynismus der Männer am Arbeitsplatz werden ein Riesenthema.“ Viele Männer flüchten schon jetzt in die innerliche Kündigung. „Bald haben wir 15 bis 20 Prozent abgehängte junge Männer, die benachteiligt sind“, meinte der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann schon 2006.

Laut einer 2014 veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ist eine große Mehrheit von 72 Prozent der Meinung, dass in der Sexismus-Diskussion die Männer zu kurz kommen. Wenige Monate zuvor hatte das Meinungsforschungsinstitut Allensbach die Studie „Der Mann 2013″ vorgestellt, in der 76 Prozent der Männer erklärten, sich inzwischen „ab und zu gegenüber Frauen benachteiligt“ fühlen.

Kein Wunder, dass derzeit die Männerrechtsbewegung die international am schnellsten wachsende soziale Bewegung darstellt. In den USA sorgten Bücher wie „Men on Strike“ (286 Rezensionen bei Amazon) bereits für große Aufmerksamkeit, auch in Deutschland melden sich Männerrechtler immer häufiger zu Wort. Nur die Politik nicht. Jede größere Partei hat einen frauenpolitischen Sprecher, während Männeranliegen in all diesen Parteien tabuisiert werden.

„Wir hätten mehr machen müssen, um die Wähler zu erreichen, die sich für die Piraten entschieden haben“, sagte die Grüne Renate Künast im April 2012. „Und das sind vor allem Männer unter 25 Jahren.“ Getan hat sich bei den Grünen bis heute nichts. Stattdessen gab die der Partei nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung eine Kampfschrift heraus, in der Männerrechtler in einem Atemzug mit dem rechtsextremen Massenmörder Anders Breivik genannt wurden. Und für den SPD-Parteivorstand erklärte Thorben Albrecht, Abteilungsleiter Politik, vor der Bundestagswahl 2013, die Männerrechtsbewegung werde, „wenn wir in Regierungsverantwortung sein sollten, keinerlei Zugang bekommen“.

So international wie die Männerbewegung sind die Gründe für ihre Blockade. Die liberale US-Feministin Christina Hoff Sommers führt sie darauf zurück, dass „Männer, anders als Frauen, nicht über hunderte von Instituten für Männerforschung, Denkfabriken und Lobbygruppen verfügen, die unermüdlich daran arbeiten, ihre Bedürfnisse auf die politische Tagesordnung zu setzen“. Auch Monika Ebeling, die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte von Goslar, die aus ihrem Amt entfernt wurde, nachdem sie sich auch um Männer zu kümmern begann, befindet, dass die feministischen Seilschaften, die inzwischen an den Schalthebeln der Macht sitzen, nie etwas anderes als sexistische Geschlechterpolitik gelernt haben. „Diese Frauen versuchen mit allen Mitteln, Frauenpolitik zu erhalten und ihre Pfründe zu wahren. Sich für Männer und Jungen zu engagieren, sehen sie als einen persönlichen Angriff an. Einige haben Angst um ihren Arbeitsplatz, andere wollen ihr Gedankengut einfach nicht ändern.“

Außerhalb dieser Genderszene wagt sich kaum ein Politiker an das Männerthema. Vor allem männlichen Abgeordneten fehlt offenbar der Mut, sich in irgendeiner Weise „gegen Frauen“ zu positionieren. Sicherer scheint es, einem medialen Mainstream nachzujagen, der nach wie vor Frauen als unterdrücktes Geschlecht darstellt. Wer anders handelt, dem könnte es ergehen wie dem männerpolitisch engagierten Soziologieprofessor Gerhard Amendt: Der konnte auf dem 1. und dem 2. Männerkongress der Universität Düsseldorf auf Anraten der Kriminalpolizei nur mit Leibwächtern auftreten.

Amendts Mut braucht es auch in der Politik. Denn heikle Themen, die viele Bürger beschäftigen, verschwinden nicht, indem man sie ignoriert. Aufgegriffen werden sie stattdessen von Bewegungen wie der Pegida und Parteien wie der AfD. Leider dürfte das nur neue Munition ergeben, um Männeranliegen als „rechts“ zu brandmarken und weiter auszugrenzen. Während die Politikverdrossenheit zahlloser Bürger wächst und wächst.

Arne Hoffmann, geboren 1969, studierte Medienwissenschaft an der Universität Mainz. Durch zahlreiche Artikel und Bücher wie aktuell „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ gilt er als einer der Sprecher und Vordenker der deutschen Männerbewegung. Seit über zehn Jahren führt er das Newsblog Genderama und ist Mitglied bei den männerpolitischen Nichtregierungsorganisationen MANNdat und AGENS.

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