Flüchtlinge

Was gegen die Geisterschiffe getan werden muss

Das Elend auf den Flüchtlingsschiffen, die nun vor Europas Küsten auftauchen, ist entsetzlich. Umso dringlicher ist es, endlich an die Wurzeln des Dramas zu gehen

Was sind das nur für Menschen, die zu solchen Verbrechen fähig sind? Auf hoher See verlassen sie manövrierunfähige Schiffe, in deren Bauch Hunderte Flüchtlinge eingepfercht sind. Die verzweifelten Menschen, die gerade erst Tod und Gewalt in ihren Heimatländern entkommen sind und dafür alles auf eine Karte gesetzt haben, überlassen sie ihrem Schicksal nach dem Motto: Vor Gericht und auf hoher See seid ihr in Gottes Hand, Hauptsache wir haben kassiert. So viel Skrupellosigkeit hat unsere an kaltblütigen Untaten reiche Gegenwart selten gesehen. Selbst erfahrene Grenzschützer zeigen sich angesichts des unvorstellbaren Elends auf den Geisterschiffen erschüttert.

Den Verbrechern, die von den Flüchtenden Tausende von Dollar kassiert haben, um ihnen eine vermeintlich sichere Seereise ins reiche Europa zu ermöglichen, gehört das Handwerk gelegt. Aber das ist leichter gesagt als getan.

Verstärkte Patrouillen der europäischen Grenzschutzbehörde Eurex allein lösen das Problem nicht. Sie können immerhin den Tod Hunderter, wenn nicht gar Tausender Flüchtlinge aus dem Nahen Osten oder Afrika verhindern, die vor Bürgerkriegen und der islamistischen Gewalt Schutz in der Fremde suchen. Vielleicht können die Polizisten auch den einen oder anderen Schleuserring zerschlagen und Mitläufer wie Rädelsführer vorübergehend aus dem Verkehr ziehen.

Doch die Wurzeln des Problems liegen viel tiefer: bei den Kriegen und Bürgerkriegen, Hier gilt es anzusetzen und die Krisenherde dieser Welt gezielt zu bekämpfen. Die Kriege in Syrien oder im Irak zu beenden und islamistische Terrormilizen zu zerschlagen, ist das Gebot der Stunde. Das geht nicht von heute auf morgen. Und zum Nulltarif ist eine Lösung auch nicht zu haben.

Es sind alle gefordert, Geld und Personal (auch in Gestalt von Soldaten) bereit zu stellen: die uneinigen Europäer ebenso wie die USA und Russland oder aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China und Indien. Auch Deutschland muss an führender Stelle seinen Beitrag leisten und darf als Exportweltmeister nicht abseits stehen.

Denn jeder Syrer, Iraker oder Nigerianer, der nicht vor Hunger, Elend und religiösem Wahnsinn flüchtet, gehört potenziell zu den Eliten seines Landes und könnte die Zukunft an entscheidender Stelle mitgestalten: in der politischen Führung ebenso wie bei der Stabilisierung der nationalen Wirtschaft in einer globalisierten Welt. Gefragt ist ein Marshall-Plan für Afrika und den Nahen Osten, aber vor allem ein weitsichtiges Bildungs- und Qualifizierungsprogramm. Deutschland könnte bei einer solchen zukunftsweisenden Entwicklungshilfe durchaus Vorreiter sein.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, hat nach einem 40 Jahre dauernden Journalistenleben geglaubt, dass ihn so schnell nichts mehr erschüttern kann. Die Bilder der Menschen auf den Geisterschiffen im Mittelmeer haben ihn eines Besseren belehrt.

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