Fußball

Weltfußballer der Herzen

Bei der Wahl zum Jahres-Top-Fußballer ist Torwart Manuel Neuer entgegen aller Prognosen nur auf Platz drei gelandet. Abgehängt hat ihn die portugiesische Diva Christiano Ronaldo. Aber das macht nichts

Ach, hätten wir nicht den Fußball. Was würden ich und all die anderen Männer jedes zweite Jahr im Sommer tun, gebe es nicht die EM und die WM? Zum Baden an den See fahren? Nö. Selbst Sport treiben? Hör mir auf. Fußball (im Fernsehen) ist besser. Klar, da gibt es diese machtgeilen Herren wie Sepp Blatter, der an seinem Posten klebt wie die erbeutete Fliege an der Froschzunge, der sich an seinem Land ein Beispiel nehmen und hübsch neutral bleiben sollte, statt Funktionären unter Korruptionsverdacht die Eckstange zu halten. Aber dass Sportverbände und deren Angestellte oder Gesandte hier und da ein bis zwei Augen zudrücken, zur Sicherheit auch noch den Kopf zur Seite drehen und/oder die Hand aufhalten, wissen wir doch spätestens seit dem Spanier Antonio Juan „Herr der Ringe“ Samaranch und seinen Vasallen.

Also was soll’s? Wie schrieb ein Leser auf Spiegel Online: „Sobald Blatter die Finger im Spiel hat, geht es um Geld, Vermarktung und, ach, Geld. Immerhin konnte er uns nicht den WM-Titel nehmen.“ Genau! Soll der Blatter doch weiter diktatorenhaft in seinen auf Lebenszeit beanspruchten Chefsessel furzen. Nur zu. Wir lassen uns den Spaß an der schönsten Nebensache der Welt nicht verderben und schon gar nicht nehmen. Weder von Blatter noch von den Sportjournalisten, die Christiano Ronaldo zum Weltfußballer des WM-Jahres gekürt und Manuel Neuer auf Platz drei verwiesen haben. Ja, richtig gelesen: NUR PLATZ DREI!!!

All die Empfehlungen von Körpergroßen wie Dirk Nowitzki ​(„absolut verdient“) oder Fußballergrößen wie Maradonna („nicht Messi und auch nicht Ronaldo“), Felix Magath („selbstverständlich!“), Andrej Schewtschenko („fantastisch in allen Belangen“) oder Giovanni Trapattoni („ich liebe solche Spieler“) waren komplett für die Miezekatze. Dafür hat es dieser Holländer gewusst: „Es ist für Manuel schon ein toller Erfolg, dass er dabei ist.“ Was erlauben Arjen „Gib mir Tiernamen“ Robben?

Christiano Ronaldo also. Mensch, wie konnte das passieren? Und das auch noch soooooo klar. Auf den Portugiesen entfielen 37,66 Prozent der Stimmen, Messi bekam 15,76 Prozent und Neuer – nun ja – landete arg knapp hinter dem Argentinier mit 15,72 Prozent auf dem Bronzeplatz. Bronze. Wie öde. Das findet auch ein Leser bei „Spiegel Online“: „Was für ein schlechter Witz. Der WM Totalversager.“ Ich bin zwar nicht sicher, wen er eigentlich meint. Messi? Neuer? Robben? Den Schiedsrichter? Egal. Ich finde: Der Leser hat Recht.

Denn wollen wir doch mal ehrlich sein! Ronaldo hat es total verdient. Logisch, Neuer hat sensationell gehalten bei der WM und mit seiner Auslegung der Rolle des Torhüters als Libero, der ab und an den Ball in die Hand nimmt oder Bälle um den – fünf Euro ins Sparschwein – Kasten lenkt, Weltfußballergeschichte geschrieben. Immerhin ist er damit Weltmeister geworden, was Ronaldo niemals sein wird – und selbst wenn er in sieben Jahren noch beim Wüstenkick dabei sein sollte. Trotzdem: Der Glatthaar-Portugiese hat es schon allein für das Tor im Champions-League-Halbfinale verdient, als er den Ball unter der Mauer hinweg ins Tor geballert hat. Wer in dem Tor stand? Na wer schon: Der Drittplatzierte! Verdient hat Ronaldo es übrigens durchaus auch für seine Frisur und sein sympathisches Auftreten. Aber das ist eine ganz persönliche Meinung.

Ronaldo ist also jetzt Weltfußballer. Na und? Dafür ist Neuer jetzt Weltfußballer der Herzen. „Es war ein unvergessliches Jahr. Ich möchte mich bei allen bedanken, die mich gewählt haben“, hat der Portugiese artig und langweilig gesagt. Gähn. „Er hat Spiele allein entschieden, über seine Tore brauchen wir nicht zu sprechen“, sagte der Drittplatzierte über den Triumphator: „Er ist ein Weltklassefußballer – und das weiß jeder von uns.“ Das hat Stil. Das ist weltmeisterlich.

Thomas Schmoll lebt als Autor in der Hertha-BSC-Stadt und schreibt normalerweise über amüsante Themen wie die Eurokrise. Es fehlt ihm an Zeit, Texte über ernste Angelegenheiten wie die Wahl zum Fußballer des Jahres zu schreiben. Hier war es aber Herzenssache.

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