Kolumne: Warkentins Wut

Wenn Putin mitwählt

Donald Trumps Wahlsieg war offenbar auch ein Erfolg russischer Hacker. Für die Bundestagswahl im Herbst lässt das nichts Gutes erwarten. Erste Anzeichen gibt es bereits.

Donald Trump und der russische Präsident Wladimir Putin mögen sich ganz augenscheinlich. Ihnen gemeinsam ist die Verachtung für die westlich-liberale Demokratie und deren Grundwerte. Beide sind offen für autokratische Lösungen und werden wohl bald darin wetteifern, die internationale Gilde der autoritären Herrscher anzuführen. Trump hat angekündigt, das Verhältnis der USA zu Russland zu verbessern.

Will sich da einer für die Walkampfhilfe aus Moskau bedanken? Der Verdacht, dass es bei der US-Präsidentschaftswahl nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, verdichtet sich immer mehr. Russische Hacker, so die Vorwürfe, haben den Email-Verkehr der Demokratischen Partei von Trumps Gegnerin Hilary Clinton geknackt und sie an das Enthüllungsportal Wikileaks weitergereicht, das die peinlichen Daten dann veröffentlichte.

Trump hat die Vorwürfe auf seine derbe Art als lächerlich zurückgewiesen. Und dass die CIA und alle anderen US-Geheimdienste die These von den Cyber-Gangstern stützen, war für den Multi-Milliardär ein gefundenes Fressen. Schließlich habe die CIA 2003 Stein und Bein geschworen, dass der irakische Diktator Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfüge. Will sagen: Den Geheimdiensten darf man kein Wort glauben. Sie hätten damals falsch gelegen, und warum sollte es jetzt anders sein?

Die CIA könnte dieses Mal mit ihrer Einschätzung richtig liegen, weil es heute mehr Möglichkeiten gibt, in fremde Netze einzudringen als vor 13 Jahren. Bei der Cyber-Kriminalität muss man nicht mehr vor den Anfängen warnen, sondern kräftig nach ihrer entschiedenen Bekämpfung rufen.

Das tut auch der immer noch einflussreiche republikanische Senator John McCain von Trumps Republikanischer Partei, der 2008 die Präsidentenwahl gegen Barack Obama verlor. Der seit seinem Einsatz im Vietnam-Krieg bis in die Wolle eingefleischte Antikommunist traut Putin nicht über den Weg, weil der seine beruflichen Anfänge im kommunistischen Geheimdienst KGB hatte. McCain fordert eine Untersuchung der Vorwürfe durch den Kongress, bei der noch manche Peinlichkeit ans Tageslicht kommen dürfte.

Das ist auch in Deutschland zu erwarten. Politiker aller Parteien befürchten für den anstehenden Bundestags-Wahlkampf vergleichbare Cyber-Angriffe. Der Verfassungsschutz spricht beispielsweise vor einer Verdichtung der Hinweise. Einen Vorgeschmack auf solche Attacken bekam unlängst die Grünen-Politikerin Renate Künast zu spüren. Ein Anonymus legte ihr Worte in den Mund, aus denen Verständnis für den aus Afghanistan stammenden mutmaßlichen Vergewaltiger und Mörder einer Freiburger Medizinstudentin klang. Künast, die Derartiges nie gesagt hatte, schaltete die Staatsanwaltschaft ein.

Volker Warkentin, 65, Journalist und Autor in Berlin, hätte nie gedacht, dass er jemals die Vokabel „postfaktisch“ lernen müsste. Seine OC-Kolumne „‚Warkentins Wut“ erscheint immer dienstags.

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