Kolumne: Warkentins Wut

Liebeserklärung an einen Packen Papier

Das Magazin „Der Spiegel“ wird 70. Der Senior unter den Printmedien hat dennoch immer noch glühende Fans.

Über den „Spiegel“, der am 4. Januar 70 Jahre alt wird, ärgere ich mich häufig. Weitaus wütender machen mich aber die Missstände, die das Nachrichtenmagazin aufklärt.

„Der Spiegel“ ist mein ältestes Suchtmittel. Seit ich elf Jahre alt war und mir Woche für Woche 50 Pfennig von meinem kargen Taschengeld abgeknapst habe, ist das von Rudolf Augstein gegründete Magazin mein ständiger Begleiter. Wir sind fast gleich alt – „Der Spiegel“, die Republik und meine Wenigkeit. Das mittlerweile zum deutschen Leitmedium avancierte Magazin hat den Staat und mich nachhaltig geprägt. Mir hat er demokratische Gesinnung beigebracht, der Republik das Obrigkeitsstaatliche weitgehend ausgetrieben.

Augstein verstand sein Blatt als „Sturmgeschütz der Demokratie“ und schoss Woche für Woche Sperrfeuer auf den alten Kanzler Konrad Adenauer und einen ehrgeizigen jungen Bayern mit Namen Franz Josef Strauß. Der spätere Übervater der CSU tappte in den Flegeljahren der Republik in nahezu jeden Fettnapf, was „Der Spiegel“ jedes mal genüsslich aufgriff.

Das Establishment schlug zurück. „Bedingt abwehrbereit“ hieß eine Titelgeschichte über Defizite der jungen Bundeswehr. Sie war der Auftakt einer beispiellosen Polit-Affäre, die die Republik von Grund auf veränderte. Augstein und Conrad Ahlers, der Autor der Geschichte, wurden unter Spionageverdacht verhaftet. Ahlers wurde unter tätiger Mithilfe von Verteidigungsminister Strauß an seinem Urlaubsort in Spanien inhaftiert. Adenauer wetterte über einen „Abgrund an Landesverrat“, Strauß leugnete jegliche Verwicklung in die Affäre und musste als Lügner überführt zurücktreten. Mehr als „bedingt abwehrbereit“ zeigten sich junge Demonstranten, die für den inhaftierten Augstein auf die Straße gingen. Ich wäre 1962 gerne dabei gewesen, meine Eltern haben mir damals noch folgsamem Sohn allerdings das Demonstrieren verboten. Aber die Demokratie gewann auch ohne mein Zutun.

Das ist alles Geschichte. Historie sind auch die vielen anderen Skandale, die „Der Spiegel“ aufdeckte: die Affären um Parteispenden oder die Kungeleien bei der gewerkschaftseigenen Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat, die Kieler Machenschaften von Uwe Barschel und seinem Gehilfen Reiner Pfeiffer sowie die merkwürdige Rolle, die ihr Opfer Björn Engholm und seine SPD-Genossen dabei spielten.

Darüber wurde das Hamburger Magazin zur wichtigsten Stimme in der deutschen Medienlandschaft. „Der Spiegel“ stand und steht für investigativen Journalismus. Den betreiben heute auch andere Medien und versuchen, auf diese Weise ihre Existenz angesichts der Branchenkrise und des Misstrauens großer Teile der Bevölkerung gegen die „Mainstream-Presse“ zu sichern. Doch das an der Hamburger Ericusspitze geschriebene und redigierte Blatt ist immer noch beispielgebend und darum in Zeiten des dumpfen Populismus wichtiger denn je.

Und noch etwas macht den „Spiegel“ einzigartig. Es gehört mehrheitlich den Mitarbeitern, die dank satter Gewinne zu großem Wohlstand kamen. Der Geldregen ergoss sich indes nur über die Beschäftigten des gedruckten „Spiegel“, die Kollegen von TV und Online profitieren nicht. Die Medienkrise ging auch an den Hamburgern nicht vorbei, die erstmals in ihrer Geschichte Personal abbauten. Kritiker sehen in den Besitzverhältnissen ein Innovationshindernis.

Über die Jahre hat sich das „liberale, im Zweifelsfalle linke Blatt“ (Augstein) gewandelt. Der zeitweilige Erfolg des Münchner Konkurrenten „Focus“ aus dem Hause Burda zwang Farbe in den „Spiegel“, die Autoren seiner Artikel werden genannt und es gibt mehr Kommentare und Kolumnen als je zuvor.

Das lässt mich als Traditionalisten und Leser alter Schule mit meinem Lieblingsblatt fremdeln. Verwundert reibe ich mir die Augen, dass sich mit Jan Fleischhauer ein bis auf die Knochen Konservativer im „Schwarzen Kanal“ austoben darf. Und erkenne plötzlich, dass ich mit einigen Positionen des Kollegen übereinstimme.

Happy birthday, Spiegel

Volker Warkentin, Journalist und Autor in Berlin, hat als junger Journalist von einer Karriere beim „Spiegel“ geträumt und später dennoch 37 Jahre lang mit Lust und Leidenschaft Nachrichten für Reuters geschrieben. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint dienstags.

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