Wahlen

Warum ein Donald Trump auch in Deutschland möglich ist

Wir amüsieren uns über ihn oder sind geschockt vom neuen US-Präsidenten. Dabei ist die Bundesrepublik gegen solch ein Phänomen wie Trump nicht gefeit.

Es kann einen sprachlos machen, was Donald Trump da abliefert. Lügen – statistisch gesehen vier pro Tag -, Richterbeschimpfung, Medienverteufelung, militärische Drohungen gegen Mexiko, Affronts gegen China, die übrigen Nato-Mitglieder schwer verunsichert. Und immer wieder ICH, ICH, ICH. So viel Chaos war nie im ersten Amtsmonat eines US-Präidenten.

Wir wundern uns: Wie konnte so ein Mann ins Weiße Haus gewählt werden? Haben die US-Wähler denn nicht vorher schon gesehen, was für ein Typ Trump ist? Wie ist so viel Irrationalität möglich?

Es ist müßig, darüber zu räsonieren – denn deutsche Wähler agieren nicht minder irrational.

Beispiel gefällig? Deutschland hat sich verändert, seit Sigmar Gabriel mit seinem Überraschungscoup Martin Schulz zum SPD-Kanzlerkandidaten ausgerufen hat. Die SPD, jahrelang im 20plus-Prozent-Ghetto eingemauert, erlebt Umfragehöhenflüge, liegt in einigen Wählerbefragungen sogar vor der Union. Und Schulz selber? Hat aus dem Stand auf der Beliebtheitsskala die klassischen Politlieblinge Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier überholt.

Ist das rational? Nö, nicht im Geringsten. Die SPD ist immer noch die gleiche wie vor der Schulz-Ausrufung, mit allen Stärken und Schwächen. Wie also ist ihr Umfrage-Aufschwung zu rechtfertigen?

Und Martin Schulz? Taugt er zum Hoffnungsträger? Wohl kaum. Er ist der Prototyp jenes Europapolitikers, der massiv zum EU-Verdruss beigetragen hat. Schulz wurde dabei ertappt, wie er Sitzungsgelder kassierte, ohne an Sitzungen des EU-Parlaments teilgenommen zu haben. Er ist die Inkarnation der Vetternwirtschaft, hat jahrelang Mitarbeiter mit EU-Posten versorgt. Er schützte sogar seinen Buddy, Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, indem er als EU-Parlamentspräsident einen Untersuchungsausschuss in Sachen Luxemburg verhinderte; Juncker hatte als luxemburgischer Premier und Finanzminister mit Unternehmen ähnlich fragwürdige Steuerdeals abgeschlossen wie Irland mit Apple.

Die Fälle sind seit Jahren bekannt. Doch die deutschen Wähler interessiert das nicht. Sie bejubeln Schulz wie den Heiland. Fakten? Uninteressant. Inhalte? Unnötig.

Für dieses Verhalten gibt es einen Grund. Er heißt Überdruss. Deutschland stand ökonomisch zwar seit Jahrzehnten nicht mehr so gut da, wie derzeit, aber das zählt nicht. Man möchte etwas anderes, irgendwie, Hauptsache etwas anderes. Man sucht Abwechslung, vor allem zu Merkel, die seit zwölf Jahren die Bundesrepublik verwaltet. Da kommt sogar ein Mann wie Martin Schulz gelegen. So wie der Hälfte der US-Wähler Donald Trump gelegen kam.

Schulz ist beileibe kein Trump, Gottseidank. Aber sein Höhenflug ist genauso irrational wie der Einzug des dauerlügenden Milliardärs ins Weiße Haus. Und vor allem folgt er ähnlichen Mechanismen.

Andreas Theyssen, Autor und Berater in Berlin, begleitet Bundestagswahlkämpfe journalistisch seit 1990.

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