Kolumne: Was mich bewegt

Was hätte Shakespeare gemacht?

Mit dem offiziellen Austrittsgesuch der britischen Premierministerin hat der nächste Akt des Brexit begonnen. Neben den viel diskutierten Konsequenzen für Wirtschaft und Wissenschaft hat dies auch kulturelle Folgen.

Die Briten haben Deutschland geprägt wie wenige andere Nationen: Von der Insel kamen journalistische Standards zu uns, als sie hierzulande nach dem Zweiten Weltkrieg brachlagen, fortgefegt von Nazihetze und Zeitungsverboten. Auch das Programm zur Entnazifizierung der Lehrerausbildung durch den Aufbau von pädagogischen Hochschulen geht auf den Einfluss der Briten zurück. Und es waren britische Radiosender, jene der britischen Truppen in Deutschland, die in Ost- und West gegen deutsche Schlager und Klassik und DDR-Reklamesender anfunkten: mit Black Music, Punk, Rock und Pop.

Auch in jüngerer Zeit gab es viele kulturelle Impulse: Nick Hornby schrieb unvergleichlich amüsant wie nachdenklich über zeitgenössische Themen. Er brachte dabei immer wieder auf den Punkt, was Warenwelt und Fankultur verbindet. Die Rowling trat mit den Harry-Potter-Büchern in die Fußstapfen Tolkiens, des Herren über die Welt von Mittelerde. Sie wurde die neue Herrin der Fantasy. In der Philosophie momentan aktuell wegen seiner Thesen zur Korrespondenz von Wahrheit und Fakten und wichtig wie sonst niemand ist Karl Popper. Der Brite mit österreichischen Wurzeln trat für eine offene, lebendige und pluralistische Gesellschaft ein und war gleichsam ein Fan der einfachen, klaren Sprache. Die Liste ließe sich um viele Namen erweitern, um die Bands Oasis und Blur oder um die Künstler Francis Bacon und Damien Hirst, um nur einige wenige zu nennen.

All das wird nicht verloren gehen, genauso wenig wie momentan die Spiele von Chelsea. Aber der Austausch zwischen den Ländern der EU und Großbritannien wird doch schwieriger werden. Er wird eingeschränkt durch den Wegfall der Freizügigkeit, die innerhalb der EU üblich ist, und durch neue Hürden im Handel. Vielleicht wird die Kommunikation schwieriger oder zumindest im Vergleich teurer, etwa wenn EU-weite Roaming-Gebühren im Mobilfunk wegfallen und wir uns bei Anrufen nach London künftig dämlich zahlen.

Hätten britische Dichter, Künstler, Denker und Musiker die richtigen Worte gefunden für den historischen Rückschritt, der Großbritannien vermeintlich zu alter Größe führen soll? Hätten sie auch den Verlust, den Europa erlitten hat, bedauert? Was hätte Shakespeare zum Brexit auf die Bühne gebracht? Etwas Verstörendes wie „Der Sturm“ vielleicht? Oder doch ein Liebesdrama oder eine Komödie? Was hätte James Joyce geschrieben? Oder hätte ihn derlei überhaupt nicht interessiert?

Die Briten haben sich gegen ein vereintes Europa entschieden in ihrer umstrittenen Abstimmung, die vor allem auch zulasten der Jugend und ihrer Zukunft geht. Vermeintlich nur Nachplappern, das umsetzen also, was Brüssel allzu detailliert vorschreibt, das wollten sie mit recht knapper Mehrheit so gar nicht mehr. Und so ist die weitere Annährung Großbritanniens an die Europäische Union nun spätestens mit dem Austrittsbrief von Premierministerin Teresa May gestorben.

Monty Python, die britischen Anarcho-Komiker, waren früher sehr umstritten. Vielleicht haben sie das ganze geahnt: „This parrot is no more. It has ceased to live. It’s expired and gone to meet it’s maker! This is a late parrot!“, texteten sie einst in einem ihrer Sketche. In ihm möchte John Cleese seinen erst kürzlich gekauften, aber toten Papagei umtauschen. Die Nummer ist legendär und heutzutage wieder erstaunlich passend.

Sebastian Grundke, Journalist in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Was mich bewegt“ jeden Freitag.

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