Kolumne: Warkentins Wut

Bei den Rechten nichts Neues

Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel soll die Rechtspartei für bürgerliche Wählerschichten attraktiv machen. Doch die 38-jährige Unternehmensberaterin steht trotz ihrer Weltläufigkeit für die weitere Radikalisierung der brüchig gewordenen Partei.  

Jung, wirtschaftsliberal und lesbisch. Was bei anderen Parteien mittlerweile fast schon selbstverständlich ist, wirkt bei der xeno- und homophoben AfD noch immer geradezu exotisch. Auf keinen Fall ist Weidel ein Friedensangebot an die von Rechtsaußen immer häufiger auch körperlich angegriffenen Schwulen und Lesben. Wer die schrillen Töne der neuen Frontfrau auf dem Kölner AfD-Parteitag verfolgt hat, ahnt, dass von ihr keine mäßigenden Worte zu erwarten sind. Das Spitzenduo aus Weidel und dem Alt-Nationalisten Alexander Gauland wird bis zum äußerten rechten Rand nach Stimmen fischen.

Wer wie Weidel nassforsch die „Political Correctness“ auf den Müllhaufen der Geschichte werfen will, strebt zurück zum gesellschaftlichen Mief aus der Zeit vor der Revolte von 1968. Weidel und ihre Gesinnungsgenossen wollen die Freiheiten einkassieren, die die Menschen dem Staat abgerungen haben – Freiheiten, die das Gemeinwesen übrigens nicht schwächer, sondern stärker gemacht haben.

Die Wachsamkeit der Bürgergesellschaft ist gefragt, um die Errungenschaften der vergangenen 50 Jahre zu schützen. Trotz gelegentlicher Übertreibungen wie dem krampfhaften „Gendern“ von Begriffen sind diese Freiheiten es wert, verteidigt zu werden. Zu den Nutznießerinnen der von der AfD so verachteten Emanzipation gehören übrigens auch die Lesbe Weidel und die berufstätige Mutter Frauke Petry mit ihren bald fünf Kindern.

Ach ja, Frauke Petry gibt es ja auch noch – als AfD-Vorsitzende auf Abruf. So kläglich wie sie ist schon lange keine politische Spitzenkraft mehr gescheitert. Sie ist Opfer ihres brennenden Ehrgeizes geworden, die Partei quasi im Alleingang auf Realpolitik und Regierungsbeteiligung zu trimmen. Dass sie auch noch den Rechtsaußen Björn Höcke wegen seiner Dresdner Rede gegen den Widerstand ihres Stellvertreters Gauland und anderer Landesfürsten aus der Partei werfen wollte, trug ebenfalls zu ihrem Niedergang bei.

Die Ohrfeige, die der Parteitag Petry verpasste, war schallend. Ihr „Reformpapier“ fiel in der Abstimmung durch und wurde von den Delegierten nicht einmal diskutiert. Aber Mitleid hat sie nicht verdient. Schließlich ist es noch gar nicht so lange her, dass sie mächtig auf der rechten Klaviatur hämmerte und Grenzpolizisten zu Schüssen auf Flüchtlinge ermächtigen oder den seit der Nazi-Zeit für alle Ewigkeit verbrannten Begriff des „Völkischen“ wieder salonfähig machen wollte.

Nun also soll das Duo Gauland/Weidel es richten, die AfD in den Bundestag zu bringen. Bemerkenswert auch Weidels Opportunismus in Sachen Höcke. Unterstützte sie im Bundesvorstand zunächst die Forderung, den Rechtsaußen aus der Partei zu werfen, kann sie sich nun vorstellen, in Thüringen Wahlkampf zu machen – mit Höcke! Soviel zur Prinzipientreue der Dame mit der schnarrenden Stimme.

Volker Warkentin ist Journalist und Autor in Berlin. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint immer dienstags.

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