Kolumne: Was mich bewegt

Danke, Deniz Yücel

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel sitzt noch immer in einem türkischen Gefängnis. Der Fall ist ein Beispiel für den traurigen Zustand der Freiheit in der Türkei. Doch er hat auch einen positiven Aspekt.

Immer wieder fordern deutsche Journalisten die Freilassung des in der Türkei inhaftierten „Welt“-Journalisten Deniz Yücel. Der Fall wirft Fragen zur deutschen Einwanderungspolitik auf, etwa weil Yücel die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt und deshalb sein Fall nach türkischem Recht beurteilt wird. Dessen Zustand ist spätestens seit dem gescheiterten Putsch gegen Erdogan und dem, was man als dessen Gegenputsch bezeichnen könnte, fragwürdig.

Yücel war so mutig, sich dennoch in die Türkei zu begeben und von dort zu berichten. Das verdient Respekt. Er hat so ein Zeichen gesetzt für Werte, die hierzulande geschätzt und verteidigt werden und die sich mit jenen in der Türkei eigentlich überschneiden sollten. Er gibt so auch Journalisten in aller Welt Hoffnung.

Auch darüber hinaus gibt sein Verhalten Anlass zur Hoffnung: Denn Yücel schreibt weiterhin, sofern er seinem Anwalt ein paar Worte diktieren kann. Das ist gut, und er wird dies hoffentlich noch lange tun. Denn niemand sonst kann die Deutschen so gut über das aufklären, was in türkischen Gefängnissen geschieht und mit den dort ebenfalls inhaftierten Intellektuellen, Journalisten, Richtern und Beamten.

Denn die Lage in der Türkei ist so unübersichtlich wie seit langem nicht: Das ohnehin schon lange umstrittene Beitrittsverfahren zur Europäischen Union, das Flüchtlingsabkommen, Erdogans Rolle zwischen Ost und West sowie im Syrienkonflikt und die grassierende Angst vor dem Islam, die Unterdrückung der Kurden, die Geschichte der Armenier – all‘ diese Themen sind miteinander verknüpft und nur schwer zu entwirren und verständlich zu machen.

Natürlich ist es ein Skandal, dass Yücel im Gefängnis sitzt, auch wenn seine Berichte von dort zugleich bewegen und informieren und sein Fall an sich schon ein Licht auf die verworrene Lage des Landes wirft und Diskussionen anstößt. Er gehört in Freiheit und müsste frei berichten können. Doch genau das konnte er eben ab einem bestimmten Punkt nicht mehr. Ihn deshalb, wie das teilweise geschieht, aufgrund seines Mutes als Aktivisten geradezu zu brandmarken und ihm die Rolle des Journalisten abzusprechen, zeugt von Feigheit und Zynismus und redet zudem Erdogan und dessen Machtmissbrauch das Wort. Es zeugt auch von ganz generellem Unverstand, kehrt Ursache und Wirkung geradezu um: Denn die Umstände, unter denen Yücel seine Arbeit tut, hat er sich nicht ausgesucht.

Wer von seinem Beruf überzeugt ist und ihn mit Leidenschaft ausübt – und das jedenfalls legen die Berichte von Yücel selbst und jene seiner Angehörigen nahe – ist noch lange nicht politisch aktiv. Sondern schlicht das, was man im Jargon der Branche wohl ein Vollblut nennt.

Sebastian Grundke, freier Journalist in Hamburg, hat unter anderem in Istanbul studiert. Er schreibt die OC-Kolumne „Was mich bewegt“ jeden Freitag.

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