Fußball

Der deutsche Fußball ist deutlich schlechter als sein Ruf

Das Ausscheiden aller deutschen Klubs aus den europäischen Ligen zeigt – der deutsche Fußball und seine Fans leben in einer Filterblase.

Diese Aprilwoche wird Folgen haben für die Bundesliga. Wenn sich demnächst die allerbesten Vereine Europas messen und um Titel für die Geschichtsbücher kämpfen, werden sich die Spieler deutscher Mannschaften das Spektakel im Fernsehen anschauen, also nur irgendwie dabei statt mittendrin. Alle Teams sind raus – aus der Königsklasse wie aus der Europaleague.

Viele wenden jetzt ein: Ist doch nichts passiert. Der FC Bayern scheiterte nach heroischem Kampf an Real Madrid, kann jedem passieren. Borussia Dortmund flog raus gegen den AS Monaco, das lag bestimmt an den Umständen, dem Attentat auf die BVB-Spieler, wer soll denn nach so einer Erfahrung gut Fußball spielen? Und Schalke 04 wurde von einer extrem jungen Mannschaft aus Amsterdam besiegt, weil, äh, weil Schalke eben Schalke ist.

Und die anderen Bundesligaclubs so? Für Leverkusen, wie fast immer Gruppenzweiter, war die Reise in der Champions League im Achtelfinale zu Ende, wie immer seit 15 Jahren. Mönchengladbach scheiterte, wenn auch an schweren Gegnern, schon in der Gruppenphase. Und in der Europa League dann im Achtelfinale an Schalke, ausgerechnet.

Dabei ist Bundesliga doch so stolz, in der maßgeblichen Fünfjahreswertung der Uefa auf Rang zwei zu stehen. Weit hinter den Spaniern zwar, aber doch vor den mit Oligarchen- und Scheichmilliarden gepimpten Klubs der englischen Premier League. Außerdem, hey, wir sind Weltmeister! Und nun das. Alles Zufall, alles Soistfußball?

Das frühe Aus der deutschen Teams in dieser Saison ist kein Ausrutscher, auch wenn speziell die Dortmunder Niederlagen nicht nur sportlich zu erklären sind, natürlich nicht. Wer aber gesehen hat, wie Monaco das von Pep Guardiola trainierte Manchester City, das vielleicht teuerste Team der Welt, vom Platz gefegt hat, dem fällt schwer daran zu glauben, dass der BVB diese Franzosen auch ohne die schreckliche Terrorerfahrung hätte bezwingen können. Und wer mitbekam, wie schwer sich Dortmund schon vor dem Attentat gegen viele Gegner getan hat, wer die fehlende Balance zwischen Angriff und Abwehr bei den Schwarzgelben bestaunt hat angesichts ihres Luxuskaders, dem kommen gleich noch mehr Zweifel. Man mag es nicht gerne hinschreiben, aber: Dortmund wäre wohl gegen alle Teilnehmer dieses Viertelfinales ausgeschieden. Auch ohne Bombenanschlag.

Warum also kommen diese Pleiten für die breite Öffentlichkeit so überraschend? Für den FC Bayern sogar so unerwartet, dass der Schiedsrichter für sein Ausscheiden verantwortlich gemacht wird, also mit der peinlichsten Ausrede eines Verlierers. Selbst das mag man nicht gerne hinschreiben: Aber Bayern hätte auch gegen ein anderes Team als Real ausscheiden können. Vielleicht nicht gegen Dortmund, wahrscheinlich aber gegen Atlético, wie vergangene Saison. Oder gegen Juventus Turin.

Es hat eine Wahrnehmungsverschiebung stattgefunden. Befeuert von deutschen Sportsendungen, in denen jede noch so verkrampfte Bundesligapartie zum Top-Spiel hochgejazzt wird und begünstigt von der Tatsache, dass es die Kicks anderer Ligen so gut wie nicht mehr zu sehen gibt, selbst im Pay-TV nicht. Alle reden von Europa, aber kaum einer guckt europäischen Fußball. Eine fußballerische „filter bubble“ ist da also entstanden. Da fällt dann nicht auf, dass es derzeit nur zwei Kinder der Bundesliga in die beste Liga der Welt geschafft haben, in Spaniens Primera Division: Marc-André ter Stegen ins Tor von Barcelona und Toni Kroos ins Mittelfeld von Real Madrid. Hinzu kommen die Erfolge des FC Bayern in den vergangenen Jahren in der Champions League. Wenn nicht der Titel, dann das Finale. Wenn nicht Finale, dann Halbfinale, immerhin, die Engländer wären da schon froh. Das hat dem Fußballfan die Sinne vernebelt.

Und offenbar nicht nur ihm. Die Bundesliga selbst wirkt, als bewege sie sich in einer Scheinwelt. Untergegangen ist die Tatsache, dass hinter den Bayern kaum Vorzeigbares aus der Bundesliga kommt. Übersehen wird, dass der als Trainergenie betrachtete Thomas Tuchel offensichtlich große Schwächen hat – seien es seine „social skills“, seien es taktische Fragen. Ignoriert wurde lange, wie überaltert der FC Bayern ist. Lahm und Alonso gehen am Saisonende in Rente, Robben und Ribery stehen kurz davor, und der Rest der Mannschaft ist auch schon ganz schön in die Jahre gekommen. Das alles orchestriert von einem Trainer, der noch im Jahr vor seinem Dienstantritt sagte, er würde nie eine Mannschaft coachen wollen, die „die Meisterschaft mit den Händen in der Hosentasche gewinnt“. Carlo Ancelotti sprach über den FC Bayern. Seit knapp einer Spielzeit ist er nun doch da, mehr verwaltend als gestaltend. Die wenigen jungen Spieler stagnieren in ihrer Entwicklung oder floppen gleich ganz.

Vor allem aber setzt man sich hierzulande gern über die Tatsache hinweg, dass die spielerische Qualität in der Bundesliga zu wünschen übrig lässt. Weil ab Platz zehn jeder Klub im Abstiegskampf steckt, spielen auch alle so. Erfolg hat man da unten, wenn qualitativ bessere Mannschaften aufs eigene Niveau heruntergezogen werden. Das Ergebnis sind lange wie sinnlose Flanken nach vorne, Abnutzungskämpfe, in denen der Ball öfter durch der Luft fliegt als auf dem Rasen rollt.

Noch vermitteln die übertragenden TV-Sender das Gefühl eines großen Spektakels. Aber erste Folgen werden sichtbar: Die Zuschauerzahlen sinken. Noch in kleinen Schritten, aber kontinuierlich. Sponsoren üben sich mehr und mehr in Zurückhaltung, und die Auslandsvermarktung der Bundesliga stockt. Kein Wunder: Wie attraktiv soll eine Liga sein, in der der nationale Champion eigentlich schon vor dem ersten Spieltag feststeht – und es Jahr für Jahr derselbe Verein ist? Mag der Abstiegskampf, diese Meisterschaft des kleinen Mannes, viele Fans in Wallung bringen: In Wachstumsmärkten wie China interessiert es nicht, ob Augsburg absteigt, Hamburg oder Mainz.

Was also tun? Mehr Geld in die Klubs pumpen, etwa durch die Abschaffung der 50+1-Regel? Dafür gäbe es immerhin einen guten Grund, die Chancengleichheit. Nicht nur international, sondern auch in Deutschland selbst. Denn kaum zu rechtfertigen ist, dass diese investitionshemmende Vorschrift für Wolfsburg, Hoffenheim und Leverkusen ganz offiziell nicht gilt und von Leipzig oder dem HSV locker unterlaufen wird, während sich andere brav dran halten. Aber sonst? Die Performance englischer Klubs auf europäischem Parkett ist sicherlich kein gutes Argument für 50+1.

Vielleicht helfen viel einfachere Dinge. Erstens: Demut. Erkennen, dass die Bundesliga nicht das Maß aller Dinge ist, bei weitem nicht. Zweitens: von den Besten lernen. Was machen diese Spanier in Taktik, Nachwuchsförderung und Trainingslehre, dass sie Europas Fußball seit Jahren nach Belieben dominieren? Dass bei ihnen selbst Partien von Mannschaften aus dem Tabellenmittelfeld oft fußballerischen Hochgenuss bieten? Warum ist Juventus Turin wieder so stark, obwohl die „alte Tante“ zuhause so wenig Konkurrenz zu fürchten hat wie die Bayern bei uns? Es ist Zeit für einen Neuanfang. Und Lernen steht am Anfang von allem.

Axel Kintzinger, Autor in Hamburg, war Sportchef der „Financial Times Deutschland“ und arbeitete zuvor unter anderem für „Stern“, „Focus“ und taz. Heute ist er Co-Inhaber der Kommunikationsagentur TOE-KOM.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 7 Bewertungen (5,00 von 5)