Kolumne: Warkentins Wut

Gebt den Syrern endlich Frieden!

Staatschef Assad sowie die Großmächte Russland und USA instrumentalisieren Syrien für eigene Machtinteressen. Es ist an der Zeit, endlich an die zu denken, die betroffen sind: das seit sechs Jahren geschundene Volk der Syrer.

Mit dem Abschuss von 59 Marschflugkörpern auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt haben die USA deutlich gemacht, dass sie das Regime von Präsident Baschar al-Assad für den Giftgaseinsatz gegen Zivilisten verantwortlich machen. Der „Warnschuss“ – so verharmlosend Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen – soll die Führung in Damaskus wohl ermahnen, bestimmte rote Linien nicht zu überschreiten. Diese Grenzen hat Assad mutmaßlich schon früher verletzt, obwohl damals wie heute der letzte Beweis für seine Schuld nicht vorgelegt wurde.

Auch das bestätigt wieder die alte Erkenntnis, dass im Krieg die Wahrheit als erstes auf der Strecke bleibt. Denn die Angaben aller Bürgerkriegsparteien sind von unabhängiger Seite nicht zu bestätigen und damit mit Vorsicht zu genießen.

Obwohl also viel für eine Täterschaft des von Russland unterstützten Assad-Regimes spricht, kann auch dessen Version stimmen, dass beim Luftangriff in Idlib versehentlich Giftgas getroffen wurde, welches die Extremistenorganisation „Islamischer Staat“ den Regierungstruppen abgenommen hatte. Aber die Schuldfrage ist derzeit eher zweitrangig und den Giftgas-Opfern hilft die Diskussion wenig.

Viel wichtiger ist, dass mit dem Töten endlich Schluss gemacht wird. Bislang verhindern das die Interessengegensätze der hinter den Bürgerkriegsparteien stehenden regionalen Mächte Saudi-Arabien und Iran. Immer mehr auch geraten Russland und die USA, die bislang vornehmlich ihre Stellvertreter von der Leine gelassen haben, an den Rand einer direkten Konfrontation. Für die Großmächte wäre es ein Leichtes, sie zurückzupfeifen und nach einer tragfähigen Lösung zu streben

Doch dazu müssten sich die Großmächte – deren autoritäre Führungspersonen Donald Trump und Wladimir Putin innerlich übereinzustimmen scheinen – über ihre Ziele und deren Vorrang einig werden. Soll der Kampf vor allem gegen den IS geführt werden, wie es die USA wollen? Oder soll das Feuer gemäß russischen Vorstellungen gegen die anderen Widerstandsgruppen gerichtet werden? Und soll eine Friedenslösung mit oder ohne Assad gesucht werden? Solange sich die Geister an der Person des syrischen Machthabers scheiden, wird weiter geschossen. Und die Russen werden so lange an Assad festhalten, wie er ihnen nützlich erscheint. Wie lange das der Fall sein wird, ist ebenso offen wie ein Einlenken der USA in Sachen Assad.

Darum geht für die geschundene syrische Zivilbevölkerung das Leiden wohl bis mindestens zum Ramadan, der Ende Mai beginnt, weiter.

Volker Warkentin ist Journalist und Autor in Berlin. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint immer dienstags.

 

 

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