Kolumne: Was mich bewegt

Rechts, rechter, Xavier Naidoo

Der irrlichternde Sänger aus Mannheim hat mit einem neuen Song eine alternative Nationalhymne für Reichsbürger und Rechtsaußen-AfDler auf den Markt gebracht.

Man kann Xavier Naidoo eine gewisse Faszination für die Abgründe des deutschen Schlagers zubilligen. In Liebesliedern haben Marionetten schließlich Tradition.

1962 sang Gino Washington den Song „Puppet on a String“ und verortete so den Sound der US-Metropole Detroit mit. In den folgenden Jahren veröffentlichte er eine zweite, sanftere Version des Songs, die jener 1965 von Elvis Presley aufgenommenen ähnlicher ist. In Europa verhalf dem Titel dann allerdings die Britin Sandy Shaw zum Durchbruch: Mit ihrer Version von „Puppet on a string“ gewann sie 1967 als erste Britin den Eurovision Song Contest (ESC), der damals noch Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß. Ihr Barfußauftritt sorgte im biederen TV- und Musikwesen von damals für Empörung. Wochenlang blieb der Song auf Platz eins der deutschen Charts. Vor allem jedoch folgten auch bei ihr weitere Versionen: 2007 eine zeitgemäße Neuinterpretation, bereits 1967 eine deutsche Version. Deren Text ist recht frei übersetzt, eher eingedeutscht, beinahe nur das Thema ist gleich geblieben: Es geht um die Liebe, um’s Hingerissensein von der Anziehungskraft des anderen Geschlechts, welches schon Gino Washington besang, wenn auch mit anderer Konnotation. Der Titel der deutschen Version von Sandy Shaw: „Wiedehopf im Mai“.

Nun ist der Wiedehopf schwarz-rot-gelb gefiedert, kulturhistorisch verschiedentlich aufgeladen, je nach Überlieferung etwa ein Stinkvogel oder ein Sendbote und seit dem Jahr 2008 der Nationalvogel Israels. Irgendwo in diesem popmusikarchäologischen Gestrüpp aus Rhythm-and-Blues, Elvis-Fanatismus, ESC-Historie, deutschen Schlagerscheußlichkeiten und Hobbyornithologie muss sich der deutsche Soul-Sänger Xavier Naidoo verloren haben. Jedenfalls hat er, der bereits wegen allerlei fragwürdigen Äußerungen auf rechten Kundgebungen und im TV mit einer ESC-Teilnahme scheiterte, das Folgende fertiggebracht: Er hat nämlich ausgerechnet zum Mai und kurz vor dem diesjährigen ESC, 50 Jahre nach dem Erfolg von Shaws „Puppet on a string“, eine Art neue Version des Songs vorgelegt. Eine Variante allerdings, die textlich statt mit Liebe mit jener Form von Vaterlandsliebe getränkt ist, welche sich hierzulande Reichsbürger und AfDler auf die Fahnen geschrieben haben.

Wie kann man nur so töricht sein, das eine mit dem anderen zu verwechseln. Wobei hier eigentlich von Absicht die Rede sein muss, so glaubwürdig die nachträgliche Distanzierung Naidoos von solcherlei Einordnungen manchen vielleicht erscheinen mag. Dass zumindest das ursprüngliche Songmaterial im Hinblick auf Geschlechterverhältnisse heutzutage wenig zeitgemäß ist, hat Naidoo eventuell geahnt. Dass seine eigenen Textzeilen nun geeignet sind, aus dem Thema eines Lovesongs eine alternative Nationalhymne für Ewiggestrige zu machen, hätte er dann aber ebenfalls vorhersehen müssen. Vielleicht hat er auch einfach die Distanz zum eigenen Werk verloren, sein musikalisch-kreatives Umfeld zudem komplett verpennt, während sein politischer und kultureller Kompass ins Kreiseln kam.

Ob nun jedoch Gesinnungstat, der Versuch einer gezielten Provokation oder, wie Naidoo glauben machen möchte, ein riesiges Missverständnis: Der Mann ist geradezu ausufernd gescheitert, um mal eine Redewendung des mit Fake-News geschwängerten Webs aufzugreifen und zu übersetzen. Insofern ist sein Song „Marionetten“ voller rechtslastiger Ressentiments nur konsequent, knüpft er doch geradezu nahtlos an Naidoos ebenfalls ausuferndes Scheitern in der Vergangenheit an. Ein stinknormales Liebeslied wäre in jedem Fall besser gewesen.

Sebastian Grundke, freier Journalist in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Was mich bewegt“ jeden Freitag.

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 7 Bewertungen (4,43 von 5)