Kolumne: Was mich bewegt

Wer weiß von meinen Krankheiten?

Die SPD möchte die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantreiben. Dabei ist sie längst schon viel zu weit fortgeschritten – und schlecht kontrolliert.

Die Digitalisierung macht vor keinem Lebensbereich halt. Sie ist Teil des Fortschritts, ein Teil zudem, dem sich Firmen, Universitäten und staatliche wie halb-staatliche Einrichtungen verschrieben haben. Die meisten Bürger haben eine Tendenz, sie zu umarmen: Sie nutzen die Vorzüge der Digitalisierung bei der Kommunikation, der Freizeitgestaltung und der Information, vorzugsweise preiswert oder gleich umsonst. Damit nehmen sie auch die Kehrseiten der Vernetzung in Kauf, die freilich lauten: Ausverkauf, Überwachung, Kontrolle, Datenmanipulation und Hackerattacken.

Auch im Gesundheitswesen macht sich die längst nicht mehr so neue Technik immer mehr breit. Die Krankenkarte mit Chip war nur der Beginn. Sie markierte die Digitalisierung der Verwaltung. Inzwischen ist auch die durch Computer unterstütze Anamnese recht üblich. Patienten tippen sich im Wartezimmer längst munter durch Online-Umfragen und beantworten statt einem Arzt so einem Tablet-PC Fragen nach ihrem Befinden.

Dabei sind wenige Daten sensibler. Selbst persönliche Finanzinformationen sind oft nicht so heikel. Die Fotos der jüngsten Party, des vergangenen Urlaubs, die Grüße an Freunde, Geodaten über den gestrigen Aufenthalt beim Italiener und dergleichen sind es ohnehin nicht.

Unsere Welt wird längst neu vermessen und in Nullen und Einsen übersetzt, diese Daten zudem ständig aktualisiert. Das bringt Vorteile mit sich für Wissenschaft, Forschung, Finanzwesen, Wirtschaft, Staat und eben jeden Bürger.

Im Falle des Gesundheitswesens geht es dabei jedoch immer um einen bestimmten Typ von Daten. So jedenfalls ließe sich argumentieren. Denn die Information „Der Patient ist kerngesund“ wird schlicht so nicht vermerkt. Unsere Datensysteme sind vielmehr auf Neues, auf Veränderung, auf laufende Aktualisierung und eben auf Problemstellungen und deren Lösung ausgelegt.

Vermerkt wird also die Vorsorgeuntersuchung und damit auch ein Erkrankungsrisiko, vermerkt wird die Medikation, werden Krankheit und Gebrechen, werden alle Arten von messbaren Daten: vom Puls- und Herzschlag über das Blutbild bis hin zum EKG, Sportverhalten und Alltagsbelastungen. Vermerkt werden auch widersprüchliche oder unterschiedliche Diagnosen und Heilungswege, eingeschlagene, abgebrochene, erfolgreiche wie irrige. Zudem noch Daten über die psychische Verfassung, die jene über die körperliche ergänzen.

Mit Krankheit oder einem Krankheitsrisiko jedoch gehen mehr noch als mit Armut oder Reichtum, mit Hobbies oder allgemeinem Lebenswandel Dünkel und Vorurteile einher. Da die Vernetzung im Digitalen die Informationen darüber nicht nur sammelt, sondern auch verbreitet, steht zu erwarten, dass sie insgesamt solcherlei Brandmarkung verstärkt.

Denn schon jetzt ist der Datenschutz oft ungenügend: Nicht selten können Patienten auf Bildschirmen oder Ausdrucken von Krankenakten Einblick nehmen in die Gebrechen jener, die vor ihnen im Behandlungszimmer waren. Oft sind dieselben Patienten jedoch völlig im Unklaren über ihre eigenen Daten und darüber, wer unter welchen Umständen genau darauf Zugriff hat. Seitenlange Datenschutzerklärungen mit allerlei Ausnahmen sind längst Alltag in mancher Klinik geworden. Beim Patienten entsteht so der Eindruck: „Alle wissen, was ich habe, nur ich nicht.“

Dass es in dieser Hinsicht kaum Aufklärung gibt, weder für Ärzte noch für Patienten, ist ein weiterer Mangel. Für viele Menschen ist deshalb der Besuch im Krankenhaus längst nicht bloß eine Einlieferung, sondern eine Auslieferung.

Wer, wie es die Sozialdemokraten nun planen, diesen Trend verstärken und gleichzeitig kontrollieren möchte, muss gute Konzepte vorlegen, wie genau mit Patientendaten hantiert werden darf und wie nicht. Kranke und dazu vor allem alte, aber auch kerngesunde Menschen werden sonst schneller noch als bislang zum Spielball der Interesse anderer: jener von Versicherungen, Arbeitgebern, Pharmaunternehmen, medizinischen Forschungszentren, Pflegeunternehmen und Klinikgruppen nämlich.

Sebastian Grundke, freier Journalist in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Was mich bewegt“ freitags.

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